17.07.2026
Stellungnahme

VIK-Mitgliederrundschreiben 49/2026 – Electrification Action Plan & EU-Proposal zur Reform der Stromnetzentgeltsystem

am 17.07.2026 hat die EU-Kommission, begleitet von einer Pressekonferenz, den „Electrification Action Plan“ (EAP) veröffentlicht. Ziel des Plans ist es, die Elektrifizierung der Energienachfrage in Industrie, Verkehr und Gebäuden deutlich zu beschleunigen. Der Plan sieht einen Elektrifizierungsgrad von 32 % bis 2030 und 46 % bis 2040 vor. Da der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch seit Jahren bei rund 23 % liegt, strebt die EU-Kommission damit bis 2040 eine Verdopplung an. Der Vorstoß erfolgt vor dem Hintergrund, dass die EU während des Iran-Konflikts innerhalb von 111 Tagen zusätzlich 50 Mrd. € für fossile Energieimporte ausgegeben hat.

Neben den Ausführungen zu den Zielen und Maßnahmen in anderen Sektoren, insbesondere zur Elektrifizierung des Gebäudesektors und der Mobilität, sind aus Sicht der Industrie vor allem die folgenden Punkte des EAP relevant:

  • Der Action-Plan enthält 13 „actions“ die zur Elektrifizierung der Energienachfrage anregen sollen. Die Industrie ist eine davon.
  • Das Dokument stellt fest, dass Strom für EU-Unternehmen im Durchschnitt fast dreimal so teuer ist wie Gas; zugleich wird als KPI ein Strom/Gas-Preisverhältnis von maximal 2 für die Industrie bis 2030 genannt. Wenn Strom mehr als etwa 2 bis 2,5-mal so teuer ist wie Gas, verschlechtert sich laut Dokument der Business Case für Wärmepumpen bzw. elektrische Prozesse deutlich.
  • Die Industrie wird als Schlüssel- und Problemsektor zugleich beschrieben. Sie steht für fast ein Viertel der EU-Energienachfrage, hat zwar Effizienzfortschritte erzielt, elektrifiziert aber bislang langsam. Gleichzeitig seien 60 % der industriellen Energienachfrage, die heute auf Brennstoffen beruht, technisch bereits elektrifizierbar, insbesondere über industrielle Wärmepumpen.
  • Die Kapazität von Speichern soll von ca. 55 GW in 2026 auf 200 GW bis 2030 erhöht werden
  • Das Dokument nennt explizit, dass die Elektrifizierung der energieintensivsten Industrien die EU-Stromnachfrage erheblich erhöhen wird; allein der Stahlsektor könne seinen Strombedarf bis 2030 auf 165 TWh mehr als verdoppeln, mit weiteren starken Zuwächsen bei Aluminium, Zement und Chemie bis 2050 ohne diese konkret im Dokument zu quantifizieren
  • Der Action Plan erkennt an, dass verschiedene Hürden für die Industrie bei der Elektrifizierung bestehen. Elektrifizierung kann industrielle Modernisierung, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit stärken, aber nur wenn Strompreise, Netze, Speicher, Erzeugungsausbau und CAPEX-Förderung zusammenpassen

Ein wesentlicher Bestandteil des Elektrifizierungsplans der EU ist die Reform der Steuer- und Netzentgeltstruktur in Europa. Dazu wurde ebenfalls am Freitag, den 17. Juli 2026, ein „Proposal“ veröffentlicht, das aufgrund seiner konkreten rechtlichen Regelungen deutlich verbindlicher ausgestaltet ist als der Action Plan.

Die wichtigsten Punkte im Proposal „REGULATION OF THE EUROPEAN PARLIAMENT AND OF THE COUNCIL: amending Regulation (EU) 2019/943, as regards future-proofing electricity bills in the Union, through reducing system costs and fostering electrification and digitalisation“ aus Sicht der Industrie sind folgende:

  • Ziel einer stärkeren europäischen Harmonisierung der Netzentgeltprinzipien.
  • Einführung kostenreflektiver Netzentgelte für alle Netznutzer.
  • Förderung von Elektrifizierung und Flexibilität zur Senkung der Energiesystemkosten.
  • Strom soll gegenüber fossilen Energieträgern steuerlich attraktiver werden. Unklar, ob dies nur durch Senkung der Stromsteuern oder auch Erhöhung das Gasteuern und Abgaben erfolgen soll.
  • Besondere Netzentgeltregelungen für energieintensive Verbraucher sollen grundsätzlich möglich bleiben, solange ein „netzkostensenkender Effekt“ nachgewiesen werden kann. Möglichkeit besonderer Tarifregelungen für energieintensive Unternehmen vorgesehen
  • Einführung regionaler bzw. lokaler Preissignale; konkrete Ausgestaltung und Auswirkungen auf Industriestandorte noch offen.
  • Stromsteuerliche Entlastung zur Förderung der Elektrifizierung: Für energieintensive Unternehmen werden sogar weitreichende Stromsteuerermäßigungen bis hin zu einem Nullsatz als Option angesprochen

Beide Dokumente stehen nicht zur Konsultation! Im Proposal zur Reform der Stromnetzregulatorik und Stromsteuern wird ausdrücklich erläutert, dass aufgrund des politischen Zeitdrucks und der gewünschten schnellen Verabschiedung des Vorschlags eine Ausnahme von den üblichen „Better-Regulation-Anforderungen“ gewährt wurde. Deshalb wurden weder eine eigene Folgenabschätzung noch spezielle Stakeholder-Konsultationen vor Vorlage des Vorschlags durchgeführt. Nichtdestotrotz erarbeitet der europäische Dachverband des VIK (IFIEC) derzeit ein Positionspapier zu dem Proposal.

Weiterführende Links: Pressemitteilung EU

Wenn Sie Anmerkungen oder Rückfragen zu den Dokumenten haben, dann wenden Sie sich gerne an mich.

​Beste Grüße
Bruno Wangemann

Bruno Wangemann
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Bruno Wangemann

Referent für Stromwirtschaft