Berlin, 2. April 2026 – Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) bewertet den Vorschlag der EU-Kommission zur Anpassung der Marktstabilitätsreserve (MSR) als unzureichend. Es sei unklar, was eigentlich mit der Aussetzung der Löschung von in die MSR überführten Emissionszertifikaten erreicht werden solle. Ungewissheit sei aber gerade in der angespannten Lage Gift für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Industrielle Wettbewerbsfähigkeit jedenfalls sei so keinesfalls abzusichern.
„Weite Teile gerade der energieintensiven Industrie brauchen jetzt spürbare und verlässliche Entlastung – keine symbolische Korrektur ohne Wirkung auf die aktuelle Marktlage. Der Vorschlag greift erheblich zu kurz, die Wettbewerbsfähigkeit großer Bereiche des Industriestandorts Europa wird so weiter gefährdet“, erklärt Christian Seyfert, Hauptgeschäftsführer des VIK.
MSR-Anpassung ohne unmittelbare Marktwirkung
Die Kommission hatte vorgeschlagen, Zertifikate oberhalb der 400-Millionen-Schwelle künftig in der Reserve zu belassen, statt sie dauerhaft zu löschen – und dabei selbst eingeräumt, dass der Vorschlag keine unmittelbaren Auswirkungen auf das Marktgleichgewicht habe. Seit 2023 wurden bereits 3,2 Milliarden Zertifikate irreversibel gelöscht, eine grundlegende Reform der MSR sei angezeigt und sinnvoll. Ziel müsse sein, die MSR anzupassen und den Emissionshandel wieder auf seine Kernfunktion als mengenbasiertes und planbares Instrument auszurichten. Der lineare Reduktionspfad biete bereits ein wirksames Steuerungsinstrument. Zusätzliche automatische Eingriffe höhlten diesen richtigen Ansatz aus und seien kontraproduktiv.
Benchmark-Unsicherheit als zusätzliche Belastung
Darüber hinaus belaste die anhaltende Unklarheit bei den ETS-Benchmarks für 2026–2030 die Planungssicherheit der Industrie erheblich. Der VIK hat gegenüber der Bundesregierung auf die gravierenden Konsequenzen einer möglichen Benchmark-Verschärfung gegenüber dem Zeitraum 2013–2020 hingewiesen. Insbesondere der Wärme-Benchmark (Verschärfung bis zu 50%) setze unrealistische Maßstäbe: Selbst hochmoderne Industrie-KWK-Anlagen auf Basis bestverfügbarer Technologie erreichen ihn nicht. Werden die Benchmarks dennoch verschärft, erhalten betroffene Anlagen weniger kostenlose Zertifikate – ein direkter Wettbewerbsnachteil gegenüber Konkurrenten außerhalb des EU-ETS.
„Gerade bei den Benchmarks braucht die Industrie umgehend Klarheit und Realismus statt zusätzlicher Belastungsrisiken. Wer Transformationsinvestitionen in Europa will, darf Unternehmen nicht zugleich mit unrealistischen Referenzwerten und einem künstlich verknappten Zertifikatemarkt konfrontieren“, so Christian Seyfert.
Der VIK bekräftigt seine Forderung nach einer wirksamen MSR-Reform, realistischen Benchmarks und konsistentem Carbon-Leakage-Schutz. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass viele Industrien derzeit keine realistische Transformationsperspektive hätten, weil die entsprechenden Voraussetzungen, etwa notwendige Infrastrukturen, gar nicht verfügbar seien. In so einer Situation mit dem ETS lediglich die Schraube immer weiter anzuziehen, werde nicht Klimaneutralität beflügeln, sondern schwere Schäden an industriellen Wertschöpfungssystemen verursachen. Eine Weiterentwicklung des EU-ETS sei unausweichlich, die EU-Kommission daher in der Verantwortung, industrielle Transformation und internationale Wettbewerbsfähigkeit endlich in ein neues Gleichgewicht zu bringen.
Stv. Fachbereichsleiter Politik & Kommunikation / Pressesprecher